Sonntagabend, 19:15 Uhr. Sie sitzen an seinem Bett, in der Hand einen Löffel Grießbrei, sein Lieblingsessen seit der Kindheit. „Nur noch einen, Papa. Für mich.”
Er dreht den Kopf zur Seite. Die Lippen sind rissig, der Mund steht halb offen, weil er seit Tagen so atmet. Das Glas Tee auf dem Nachttisch ist seit dem Mittag nicht leerer geworden. Ihre Schwester hat vorhin am Telefon gefragt, ob er heute etwas gegessen hat, und Sie haben „ein bisschen” gesagt.
Der Löffel bleibt in der Luft.
Was Ihrem Vater jetzt fehlt, ist wahrscheinlich kein Essen. Es ist ein feuchter Mund. Dieser Beitrag zeigt Ihnen, wie Mundpflege am Lebensende geht, was Sie dafür schon im Haus haben, was Sie besser lassen und wann Sie anrufen sollten. Anfangen können Sie heute Abend.
Das Wichtigste in Kürze
- Mundtrockenheit betrifft 10 bis 70 Prozent der Menschen in der Sterbephase (S3-Leitlinie Palliativmedizin). Sie lässt sich lindern.
- Eine Infusion hilft gegen den trockenen Mund nicht. Die Leitlinie sagt: Mundpflege ist in jedem Fall anzubieten.
- Befeuchten Sie Lippen und Mund so oft, wie es gebraucht wird. Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin nennt zwei- bis dreimal pro Stunde.
- Nehmen Sie, was er mag: Kaffee, Cola, Bier, Sekt, gefroren oder aus der Sprühflasche. Vertrauter Geschmack geht vor Apothekenprodukt.
- Lassen Sie Zitronen-Glycerin-Stäbchen weg. Glycerin trocknet die Schleimhaut zusätzlich aus.
- Nie zwingen. Wehrt er ab, hören Sie auf und versuchen es später wieder.
Warum der Löffel jetzt nicht mehr hilft
Fast alle Angehörigen tragen in dieser Phase denselben Gedanken mit sich: Wenn er nichts mehr isst und trinkt, verhungert und verdurstet er. Der Gedanke ist verständlich. Er stimmt aber nicht.
Die S3-Leitlinie Palliativmedizin hält fest: Die meisten Menschen essen und trinken in der Sterbephase gar nicht mehr, und das gehört zum Sterben dazu. Künstliche Ernährung und Flüssigkeit sollen bei Sterbenden deshalb weder begonnen noch fortgeführt werden, außer nach Abwägung im Einzelfall.
Der Grund: Der Körper kann die Flüssigkeit nicht mehr ausscheiden. Sie lagert sich ein, in Armen und Beinen, im schlimmsten Fall in der Lunge. Die Atmung wird rasselnd.
Was dabei im Körper passiert, haben wir ausführlich in Wenn Sterbende nicht mehr essen und trinken wollen beschrieben. Hier geht es um die Frage danach: Was können Sie stattdessen tun?
Mundtrockenheit in der Sterbephase: das eigentliche Problem
Ein trockener Mund hat am Lebensende mehrere Ursachen zugleich. Die Leitlinie nennt Medikamente, etwa starke Schmerzmittel und Mittel gegen Übelkeit, und die offene Mundatmung. Dazu kommen Sauerstoffgabe und das Trinken, das immer weniger wird.
Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin schreibt, dass ein ausgetrockneter Mund ein quälendes Durstgefühl auslösen kann. Und hier liegt der entscheidende Punkt: Eine Infusion lindert die Mundtrockenheit nicht. In einer Studie mit Scheinbehandlung verbesserte künstliche Flüssigkeit weder die Beschwerden noch die Lebensqualität.
Gegen den trockenen Mund hilft, was im Mund ankommt.
Was Sie für die Mundpflege brauchen
Das meiste davon steht schon in Ihrer Küche:
- Weiche Mullkompressen oder Tupfer, alternativ Schaumstoffstäbchen aus der Apotheke
- Eine kleine Sprühflasche, gibt es ebenfalls in der Apotheke
- Eine Eiswürfelform, am besten mit kleinen Fächern
- Sein Lieblingsgetränk, ob Wasser, Tee, Kaffee, Cola, Apfelschorle, Bier oder Sekt
- Lippenbalsam oder eine Salbe mit Panthenol
- Etwas Olivenöl oder Sahne für eine sehr trockene Schleimhaut
- Wenn gewünscht: Speichelersatz aus der Apotheke. Fragen Sie nach einem Produkt ohne Glycerin. Speichelersatz kann Bestandteile vom Schwein enthalten. Spielt das für Ihre Familie eine Rolle, fragen Sie gezielt danach.
Mundpflege bei Sterbenden: Schritt für Schritt
1. Sagen Sie, was Sie tun. „Papa, ich mach dir den Mund ein bisschen frisch.” Auch wenn keine Antwort mehr kommt, nimmt das die Überraschung aus der Berührung.
2. Drehen Sie den Kopf leicht zur Seite. In Seitenlage verschluckt sich ein Mensch weniger. Flüssigkeit sammelt sich dann in der Wange und läuft nicht in den Rachen.
3. Beginnen Sie mit den Lippen. Tupfer ins Getränk tauchen, gut ausdrücken, Lippen befeuchten. Schon das mindert das Gefühl von Trockenheit, sagt die Leitlinie.
4. Wischen Sie den Mund sanft aus. Mit dem feuchten Tupfer an den Wangeninnenseiten entlang, über die Zunge, am Gaumen. Nicht tief in den Rachen.
5. Lassen Sie ihn saugen, wenn er mag. Ein getränkter Tupfer zwischen den Lippen, den Sie festhalten. So kommt Geschmack an, ohne dass er schlucken muss.
6. Pflegen Sie zum Schluss die Lippen. Eine dünne Schicht Balsam hält die Feuchtigkeit länger.
7. Hören Sie auf, wenn er sich wehrt. Presst er die Lippen zusammen oder dreht den Kopf weg, ist das eine Antwort. Die Leitlinie ist hier eindeutig: Mundpflege wird nicht erzwungen.
Kaffee, Cola, Sekt: der Lieblingsgeschmack am Bett
Die Leitlinie sagt etwas, das Angehörige zuerst überrascht: Vertraute Geschmacksrichtungen sind Medizinprodukten vorzuziehen. Gekühlte und gefrorene Getränke, Ananas und Speiseeis werden bevorzugt. Von Wasser bis Bier und Wein ist alles möglich.
So bringen Sie den Geschmack an die Lippen:
- Eis aus dem Lieblingsgetränk. Ein kleines Stück in einen Mulltupfer wickeln und an die Lippen halten. Einen ganzen Eiswürfel in den Mund legen Sie nur, solange er sicher schlucken kann. Es besteht Verschluckgefahr.
- Gefrorene Ananasstückchen, ebenfalls im Tupfer.
- Die Sprühflasche mit Kaffee oder Sekt. Ein kurzer Sprühstoß an die Wangeninnenseite, nicht in den Rachen.
- Etwas Minze. In einer kleinen Studie wirkten Eischips mit Minze besser gegen Mundtrockenheit als einfache Eischips.
Und wenn in der Familie jemand weiter mit dem Löffel am Bett steht? Sagen Sie es so: „Er isst nicht mehr, weil das zum Sterben gehört. Aber wir können ihm den Mund frisch halten. Magst du das beim nächsten Mal übernehmen?” Dieser Satz gibt dem anderen eine Aufgabe statt eines Vorwurfs.
Was Sie bei der Mundpflege besser lassen
- Zitronen-Glycerin-Stäbchen. Sie sehen nach Mundpflege aus und bewirken das Gegenteil. Glycerin bindet Wasser und trocknet die Schleimhaut bei häufiger Anwendung stärker aus. Dasselbe gilt für glycerinhaltige Fertigprodukte.
- Kaugummi. Für Sterbende nicht mehr geeignet.
- Große Mengen. Kein Schluck aus dem Glas, kein voller Löffel Wasser. Wer schlecht schluckt, kann sich verschlucken, und das kann die Rasselatmung verstärken.
- Butter- oder Sahnereste im Mund. Fett wird ranzig und verursacht Mundgeruch. Wischen Sie Reste nach einer Weile ab.
- Druck. Auch kein sanfter.
Der Unterschied beginnt beim Satz, den Sie dabei sagen.
Nicht so: „Komm, nur noch einen Schluck, sonst trocknest du aus.”
Sondern so: „Ich mach dir die Lippen feucht. Dreh den Kopf weg, wenn es genug ist.”
Der erste Satz verlangt etwas. Der zweite bietet etwas an.
Wie oft? Mundpflege in der Sterbephase rund um die Uhr
Die S3-Leitlinie legt keine feste Zahl fest. Sie sagt: so oft, wie der sterbende Mensch es braucht. Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin wird konkreter: zwei- bis dreimal pro Stunde, in einer ihrer Leitlinien halbstündlich bis stündlich.
Das klingt nach viel. Jedes Mal ist es aber nur ein kurzer Handgriff. Lieber in kurzen Abständen ein wenig als selten viel.
Die offene Mundatmung macht nachts keine Pause. Sprechen Sie in der Familie ab, wer wann am Bett sitzt, und legen Sie Tupfer, Getränk und Sprühflasche so hin, dass jeder sie findet. Auch die Raumluft hilft: Ein Luftbefeuchter oder eine Schale Wasser auf der Heizung hält die Schleimhaut länger feucht.
Dafür brauchen Sie uns nicht
Wir sind ein Palliativnetz, und wir sagen es Ihnen trotzdem ehrlich: Für die Mundpflege brauchen Sie keine Fachkraft. Ein Tupfer, ein Getränk, das er mag, und Ihre Hand reichen.
Es ist eines der wenigen Dinge in dieser Zeit, die Sie ganz selbst tun können. Und es ist Zuwendung, die auch dann noch geht, wenn kein Gespräch mehr möglich ist.
Wann Sie trotzdem anrufen sollten
Rufen Sie das Palliativteam, den Pflegedienst oder den Hausarzt an, wenn:
- die Mundpflege Schmerzen bereitet oder er bei jeder Berührung zusammenzuckt,
- Sie im Mund etwas sehen, das Sie nicht einordnen können, etwa Beläge, die sich nicht abwischen lassen, oder wunde Stellen,
- die Atmung rasselt und noch eine Infusion läuft. Die Leitlinie empfiehlt, laufende Flüssigkeit in der Sterbephase zu beenden. Das entscheidet das Behandlungsteam, nicht Sie allein,
- jemand eine Infusion „gegen das Austrocknen” vorschlägt und Sie unsicher sind.
Welche Veränderungen in den letzten Stunden normal sind, lesen Sie in Die letzten Stunden: Woran Sie erkennen, dass ein Mensch stirbt. Wer in der Versorgung wofür zuständig ist, erklärt Wer ist wofür zuständig?
Wird Ihr Angehöriger in Norderstedt, Quickborn, Henstedt-Ulzburg oder im Hamburger Norden zu Hause versorgt und ist noch kein Palliativteam da, rufen Sie uns an. Wir koordinieren die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) in dieser Region und vermitteln einen Pflegedienst aus unserem Netzwerk, der Ihnen die Mundpflege am Bett zeigt. Telefon 040 334 687 680, Montag bis Donnerstag von 8 bis 17 Uhr, Freitag von 8 bis 15 Uhr, oder über unser Kontaktformular. Ist bereits ein Palliativteam bei Ihnen, gilt die Notfallnummer, die Ihnen Ihr Team gegeben hat.
Ihr nächster Schritt
Füllen Sie heute Abend eine Eiswürfelform mit dem Getränk, das er am liebsten mochte. Morgen früh haben Sie kleine Stücke, die Sie in einen Tupfer wickeln und an seine Lippen halten können.
Der Löffel wollte ihn satt machen. Der Tupfer macht ihm den Mund frisch.
Das Zweite braucht er jetzt.
Stand: 28. September 2026
Quellen
- Leitlinienprogramm Onkologie (DKG, DKH, AWMF): S3-Leitlinie Palliativmedizin für Patient:innen mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung, Langversion 3.0, Juli 2026, Kapitel 21.4.3, 21.4.4 und 21.5.2, abgerufen am 28.09.2026
- Leitlinienprogramm Onkologie: Patientenleitlinie Palliativmedizin, 2. Auflage, November 2021, abgerufen am 28.09.2026
- Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin: Begleiten bis zuletzt. Leitfaden für Angehörige, Mai 2023, abgerufen am 28.09.2026
- Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin, Sektion Pflege: Ernährung und Flüssigkeit in der letzten Lebensphase, Juni 2014, abgerufen am 28.09.2026
- Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin, Sektion Pflege: Mundpflege in der letzten Lebensphase, November 2014, abgerufen am 28.09.2026
- Deutsches Ärzteblatt 116 (41), 11.10.2019: Umgang mit Sterbewünschen, abgerufen am 28.09.2026
- Zentrum für Qualität in der Pflege: Ratgeber Mundpflege, abgerufen am 28.09.2026
Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche oder pflegefachliche Beratung. Sprechen Sie Fragen zur Versorgung Ihres Angehörigen mit dem behandelnden Team ab.
